I have a dream


Viele hatten schon großartige Träume: Zum Beispiel Barack Obama, Martin Luther King und Ben Hogen, neunfacher Major-Sieger. Ich bis dahin noch nicht.

Aber als ich neulich ein Zitat des amerikanischen Schauspielers Samuel L. Jackson las:

„Limettengrüne Hosen und Schuhe aus Krokoleder - der Golfplatz ist der einzige Ort, wo ich wie ein Zuhälter rumlaufen kann, ohne weiter aufzufallen",

entschloss ich mich auch einen Traum zu haben. So über Etikette und Regeln oder sonst etwas, womit man Samuel L. Jackson widerlegen könnte.
Der Traum müsste gar nichts Außergewöhnliches beinhalten. Ben Hogen träumte schließlich auch nur von einer perfekten Golfrunde mit 18 Hole-in-ones. Und dann lippte ihm der Ball auf dem 18. Grün aus, was ihn so wütend machte, dass er aufwachte.
Ein guter Traum muss also ein Traum sein, in dem Fantasie und Realität versöhnlich mit einander umgehen, dachte ich mir und legte mich ins Bett, um es gleich auszuprobieren. Das gelang nicht sofort, weil das Telefon zweimal klingelte. Aber beim dritten Anlauf träumte ich dann richtig gut los:

 

Der Traum:

Am 1. Abschlag unserer Golfanlage stand ein Riese. Mehr als vier Meter groß und auf seiner Brust prangte in knallroter Schrift Platz-Marshall. Er hielt beide Hände auf dem Rücken versteckt, und wenn ein Flight oder ein Einzelspieler kam, dann fuhr er die Arme nach vorne aus und versperrte den Golfern plötzlich mit einem übergroßen Transparent den Weg.

Transparent:

Das Spiel beruht auf dem ehrlichen Bemühen jedes einzelnen Spielers, Rücksicht auf andere Spieler zu nehmen und den Pflegezustand des Platzes zu erhalten, sowie nach den Regeln zu spielen. Alle Spieler sollten sich diszipliniert verhalten und jederzeit Höflichkeit und Sportsgeist erkennen lassen, gleichgültig wie ehrgeizig sie sein mögen. Dies ist der „wahre Geist des Golfspiels“ (Spirit of the Game).


Die Spieler aber marschierten einfach durch das Transparent hindurch, als wäre es nicht da und bereiteten sich auf ihren ersten Drive vor. Dabei vollführten sie wilde Probeschwünge vor dem bereits aufgeteeten Ball, schlugen große Divots aus dem Abschlaggrün, freuten sich lautstark darüber und parkten ihre Trolleys direkt auf dem Abschlagsgrün.
Ich wollte aufwachen, protestieren, aber wie üblich im Traum, bekommt man gerade dann keinen Ton heraus. Wütend trat ich gegen einen der Trolleys, aber keiner nahm Notiz davon. Plötzlich schoss die eine Hand des Riesen vor, ergriff alle vier Spieler wie Spielzeugpuppen und grollte:

„Keine Probeschwünge und keine Trolleys auf dem Abschlaggrün! Ruhe bewahren! Rücksicht auf andere Spieler nehmen!“

Dann wurde sein Arm immer länger und länger, bis er den ganzen Flight einschließlich Trolleys vor den Abschlag des nächsten Lochs absetzte.
Das sah schon komisch aus. Aber die Spieler folgten wie selbstverständlich den Anweisungen. Eben noch fröhlich lärmend, machten alle jetzt brav am Rand des Abschlaggrüns kommentarlose Probeschwünge als sie an der Reihe waren.
Der Spieler mit dem weitesten Abschlag brauchte nur noch ein Eisen 7, um das Grün zu erreichen. Er traf den Ball so fett, dass sein Divot genau so weit wie der Ball flog. Fluchend trat er mit dem Fuß gegen das herausgeschlagene Rasenstück und wollte gerade den Ball weiterspielen, da saß er auch schon zappelnd in der Faust des Riesen.

„Divots sofort zurücklegen und festtreten.“

grollte der Riesen-Platz-Marshall, öffnete die Faust und ließ den Golfer einfach fallen. Sofort sammelte der die Rasenstücke auf und passte sie sorgfältig wieder da ein, wo sie herausgeschlagen wurden.
Die anderen Flightpartner spielten das Grün erfolgreich hoch an, so dass der Ball schnell liegen blieb. Die entsprechenden Balleinschlagmarken ignorierten sie alle, indem sie gleich zu ihren Bällen gingen, um zu putten. Die Trolleys ließen sie auf dem Vorgrün stehen.
Ich wartete schon auf die Reaktion des Riesen, aber der war nirgendwo zu sehen.
Der Erste der eingelocht hatte, trat dicht an die Lochkante und löffelte mit dem Putter seinen Ball aus dem Loch, wodurch die Lochkante übel in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Dann hielt er die Fahnenstange für die nächsten Putts. Als alle Bälle in der Nähe des Loches lagen, warf er den Flaggenstock auf das Grün, schlenderte zu seinem Trolley und zog damit zwischen Bunker und Grün in Richtung nächste Bahn.
Wieder bekam ich keinen Laut aus meiner Kehle, als ich protestieren wollte gegen das Nichtbeachten einfachster Regeln. Ich suchte das Fairway ab. Der Platz-Marshall musste doch die Spieler zurückholen, sie belehren. Nichts zu sehen.
Ich hetzte zum Starterhaus.

Da stand der Riese und hielt zwei Spielern, die aussahen als seien sie direkt vom Badestrand gekommen, ein Plakat (s.o. rechts) vor die Nasen. Dieses Mal marschierten die Golfer nicht einfach hindurch, als gäbe es kein Hindernis. Stumm drehten sie sich um, liefen hinter das Starterhaus und tauchten im einwandfreien Golfdress wieder auf.
Mit Gesten deutete ich dem Riesen an, dass er auf dem Platz dringend gebraucht würde, aber er schüttelte nur den Kopf.

Wütend eilte ich zurück zum Grün von Loch zwei. Bevor ich es erreichte, schoss die Faust des Riesen plötzlich an mir vorbei, packte wieder den gesamten Flight, der auf dem Weg zum nächsten Abschlag war und setzte ihn zurück auf das Grün.
Dann hielt er ihnen die offene Handfläche vor und grollte: „Vorlesen!“
Ich konnte nicht sehen, was zu lesen war, weil der Handrücken zu mir zeigte, aber ich hörte wie einer nach dem anderen vorlas:

1. Reparieren Sie alle Pitchmarken mit einer geeigneten Pitchgabel!
2. LEGEN Sie die Fahne bitte immer auf das Grün!
3. Benutzen Sie nie den Putter, um den Ball aus dem Loch zu löffeln!
4. Setzen Sie die Fahne vorsichtig und aufrecht ins Loch!
5. Vermeiden Sie Schlurfmarken durch Spikes-Schuhe!
6. Bringen Sie niemals Bags oder Trolleys auf das Grün oder fahren zwischen Bunker und Grün!
7. Droppen Sie den auf einem falschen Vorgrün gelandeten Ball in der Privatrunde auf dem Fairway!



Donnerwetter! Fast wäre ich vor Staunen aufgewacht, bevor die Sache mit dem Bunker geklärt war. Ich zupfte am Arm des Riesen. Er verstand es sofort ohne Worte und sagte: „Mach Du es.“
Schnell kritzelte ich etwas auf meine Handfläche und hielt sie einem der Spieler vor die Nase.
Mit lauter Stimme las der vor:

Wenn sie aus dem Bunker gespielt haben:
1. Nehmen Sie den Rechen mit beiden Händen und beseitigen Sie Fußspuren und Unebenheiten, indem Sie kräftig vor- UND zurückharken. Wenn Sie nur in eine Richtung harken, bildet sich eine Wulst, die das Spiel erschwert.
2. Ein Einebnen mit Schuhen oder Schläger reicht nicht aus, um faire Bedingungen für den nächsten Spieler zu schaffen
3. Legen Sie den Rechen immer in den Bunker zurück; auch das Griffende liegt auf dem Sand und nicht auf der Grünkante!

Ich schaute fragend den Riesen an, der jetzt in voller Größe vor mir stand.

„Und das beachten jetzt alle Spieler für immer auf dieser Golfanlage? Keiner wird hier mehr wie ein Zuhälter oder Freizeitmodel herumlaufen? Und alle halten sich streng an die Etikette, an die Spiel- und Platzregeln und an den ‚Spirit of the Game?“

„Wenn Dein Traum etwas bewirkt, dann ist es so.“

Sagte es, schrumpfte auf menschliche Normalgröße zusammen, schlug mir freundschaftlich auf die rechte Schulter und trat zur Seite, damit ich meine Beine aus dem Bett schwingen konnte.

I had a dream!                                                                               KDU